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Raoul Hausmann

  • Projektleitung: Ao.Univ.-Prof.i.R. Dr.phil. Kurt Bartsch
  • ProjektmitarbeiterInnen: Dr. Adelheid Koch, Stefan Schwar

 

Raoul Hausmann (1886/Wien-1971/Limoges), Schriftsteller und Maler, Lautpoet und Photograph, Pamphletist und Collagist, Klytemnästra-Komplex-Entdecker, Tänzer und einiges mehr, war einer der Mitbegründer der Berliner Dadabewegung und zugleich einer ihrer provokantesten und schillerndsten Akteure. Sein Leben gleicht einer "permanenten Emigration" (Alfred Kolleritsch, 1966): Aus Wien gebürtig, übersiedelt er um 1900 mit den Eltern nach Berlin, muß 1933 insbesondere wegen seiner politischen Satiren aus Nazi-Deutschland emigrieren, gelangt über die Exilstationen Paris, Barcelona, Ibiza, Zürich, Prag und wieder Paris 1939 nach Peyrat-le-Château (Westfrankreich) und zieht sich 1944 nach Limoges zurück. Dort beginnt er im Alter von 58 Jahren ein umfangreiches Spätwerk, arbeitet trotz fast völliger Erblindung in ungebrochener Schaffenskraft multimedial weiter, lebt bis zu seinem Tod (1971) weitgehend vergessen, isoliert und in ziemlich armseligen Verhältnissen.

 

Im Zuge der allgemeinen Dada-Renaissance seit den frühen 1980er Jahren schenkte man zwar allmählich auch dem selbsternannten "Dadasophen" größere Aufmerksamkeit, und sein impulsgebender Beitrag zur Literatur und Kunst nach 1945, gerade in Österreich, fand zögerndes, aber doch nachhaltiges wissenschaftliches Echo. Nur "Texte von Hausmann waren nicht leicht zu erreichen und sind es bis heute nicht": Dieser Mißstand, den Ernst Jandl 1966 einklagt und der sich seither kaum merklich verbessert hat, liegt nicht unwesentlich in der Situation des Hausmannschen Nachlasses begründet, der zersplittert ist und unaufgearbeitet blieb.

 

Der schriftliche Hauptnachlaß Raoul Hausmanns, bis vor kurzem in der Obhut seiner langjährigen Lebensgefährtin Marthe Prévot, bildet die Basis für ein im Oktober 1993 am Institut für Germanistik der Universität Graz angelaufenes Projekt, das aus Mitteln des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) finanziert wird. Marthe Prévot, der Hausmann vermittels einer "Procuration" 1942 "le droit de disposer de tous mes biens et avant tout de toutes mes oeuvres littéraires", also sämtliche Urheber-, Publikations- und Übersetzungsrechte übertragen hatte, gestattete unserem Projekt die Sichtung, systematische Ordnung und wissenschaftliche Erschließung der nachgelassenen Schriften. Nach langjährigem "Gerangel um das Erbe" ist das endgültige Schicksal des Hauptnachlasses (ein größerer Teilnachlaß befindet sich in Berlin) nunmehr besiegelt: Die gesamte Korrespondenz von/an Hausmann sowie sämtliche Text-Konvolute, die bis vor gut einem Jahr noch in der ehemaligen Wohnung Hausmanns lagerten, wurden vom Musée départemental von Rochechouart angekauft und in ein eigens dafür eingerichtetes, wenn auch noch im Aufbau begriffenes Raoul-Hausmann-Dokumentationszentrum überstellt. In dem etwa 40 km von Limoges entfernten Schloß von Rochechouart befinden sich bereits wesentliche Bestände des bildnerischen und photographischen Nachlasses, neben Berlin die größte Kollektion Hausmannscher Werke überhaupt. Die im Rahmen unseres Projektes im November 1993 begonnene Archivierung der Schriften Hausmanns kann in Zukunft direkt auf Schloß Rochechouart fortgesetzt werden; das gesamte Material bleibt bis zum Abschluß unserer Arbeiten Benutzern unzugänglich.

 

Stellt sich bei der umfangmäßigen und inhaltlichen Abgrenzung von Dichternachlässen grundsätzlich die Frage, was denn als "literarischer" Nachlaß zu gelten habe, so liegt das besondere Problem im Fall Raoul Hausmanns in der aus seinen vielfältigen künstlerischen Aktivitäten hervorgehenden Heterogenität und zugleich Interdependenz des Nachgelassenen. Allein am Beispiel der Plakatgedichte und anderer visueller Poesie bricht sich die naheliegende Trennung von bildnerischem und literarischem Nachlaß in dem Maße, wie der "Dadasoph" zeitlebens die Überwindung starrer Kunst- und Denkkategorien anstrebte. Als Arbeitshypothese erschien es dennoch sinnvoll, von einem - im weitesten Sinn - bildnerischen und einem - ebenso weit gefaßten - literarischen Nachlaß auszugehen.

 

In seinem ersten Brief an Friederike Mayröcker vom 8. Dezember 1964 teilt Raoul Hausmann mit, daß er in seinem Leben "4 oder 5000 Seiten geschrieben habe, wovon aber seit 1916 vielleicht 500 Seiten im Druck erschienen sind". Gingen wir ursprünglich von einer Schätzung auf maximal 5000 Blatt aus, so ergibt sich nach einer eingehenden Sichtung und Ordnung des schriftlich Nachgelassenen folgendes Bild: Von den nahezu 14.000 Manuskript- und Typoskriptseiten entfällt mehr als ein Drittel auf Typoskriptreinschriften und Varianten der in unzähligen Zeitschriften und Sammelwerken erschienenen Texte und Artikel sowie auf Druckvorlagen und verschiedene Fassungen der selbständigen Publikationen; mit rund 5000 Blatt ist auch die Korrespondenz zu beziffern, ungefähr 2000 Blatt umfaßt allein das Standortkonvolut Hyle. Handschriftliche Originale liegen sowohl in loser als auch in Heftform gebundener Form vor (insgesamt etwa 2000 Blatt). Der Anteil der nicht veröffentlichten Texte - insbesondere aus den Jahren 1965-1970 - ist ebenfalls höher einzuschätzen als ursprünglich angenommen. Wenn Raoul Hausmann am 2. Juni 1969 in einem Schreiben an Otto Breicha angibt: "Es gibt beinah nichts von mir, das nicht veröffentlicht worden ist", so entspricht dies nämlich keineswegs dem vorläufigen Befund, der an die 700 Texte als bislang unpubliziert ausweist.

 

Für den Text- und Briefnachlaß wird ein mehr oder weniger detailliertes Verzeichnis angelegt, das dessen zukünftige Einsichtnahme und Benutzung im Raoul-Hausmann-Archiv von Rochechouart erleichtern soll. Das im Enstehen begriffene kommentierte Nachlaßverzeichnis enthält neben der Registratur der in Limoges bzw. Rochechouart verwahrten nachgelassenen Schriften auch eine genaue Erhebung, Dokumentation und Beschreibung der auf verschiedene Archive, Galerien und Privatsammlungen verstreuten Teil-, Splitter-, Kryptonachlässe und Autographen; diese Bestandsaufnahme soll zusammen mit der Personalbibliographie publiziert werden und der Hausmann-Forschung verläßliche und unerläßliche Basisinformationen liefern.

 

Parallel zur Sichtung und Verzeichnung des Nachlasses verläuft einerseits die inhaltliche Arbeit am Material, d.h. die intensive Lektüre und Kommentierung der Texte zur Erarbeitung von Bezügen und Querverweisen; andererseits die Erstellung einer möglichst vollständigen Personalbibliographie, die über die einschlägigen Vorarbeiten (vgl. Sheppard 1980) hinausgehen und durch mehrere Register erschlossen sein wird.

 

Aufbauend auf diesen bibliographischen und werkanalytischen Recherchen sollen Texte von Raoul Hausmann ediert werden, vor allem solche, die bislang im "Mappengrab" verblieben und den Horizont der Provinzstadt Limoges trotz intensivster Bemühungen des "Exilfranzosen", sie bei deutschsprachigen Verlagen unterzubringen, nie überschreiten konnten. Die Textauswahl rückt dabei besonders wichtige, für das Gesamtwerk signifikante, bislang unvollständig oder überhaupt nicht veröffentlichte deutschsprachige Arbeiten in den Vordergrund. Daneben ist es ein Anliegen unseres Projekts, einige im deutschen Sprachraum unbekannte französische Texte Hausmanns zu übersetzen und zweisprachig herauszugeben.

 

Die Ergebnisse der Projektarbeit, die bereits in einen für 1996 geplanten Band über Raoul Hausmann in der Buchreihe über österreichische Autoren "Dossier" (Literaturverlag Droschl) einfließen werden (Personalbibliographie und Nachlaßverzeichnis; Aufsätze zu nachgelassenen Materialien), münden demnach direkt in die Herausgabe von ausgewählten Texten aus dem Nachlaß Hausmanns ein. Nachlaßedition bedeutet allgemein eine gerade im 20. Jahrhundert wichtige und vielseitige Aufgabe, die im speziellen Fall umso spannender ist, als sich das Schaffen Raoul Hausmanns durch eine herkömmliche Kunstkategorien sprengende Pluralität auszeichnet. Sie ist auch umso dringender, als der "Dadasoph" zu Lebzeiten nicht den Erfolg und die Anerkennung für sich verbuchen konnte, die ihm aus heutiger Sicht - gerade aus österreichischer - hätten zukommen müssen. Die ausgewählten Texte sollen im Sinne einer historisch-kritischen und zugleich "lesbaren" Ausgabe aufbereitet, annotiert, mit einem Vor- bzw. Nachwort versehen und - "hausmanngerecht" - durch zugehörige Bilder, Photographien und Zeichnungen illustriert werden. Sie verfolgen das gemeinsame Ziel, Raoul Hausmann einer breiteren literarischen und literaturwissenschaftlichen Öffentlichkeit und damit wissenschaftlicher Untersuchung überhaupt zugänglich zu machen.

 

"Eine Herausgabe aller meiner Werke?" - Diese Frage, die Raoul Hausmann 1969 an Friederike Mayröcker richtete, steht - trotz des Wissens um die erbrechtlichen, finanziellen und zeitlichen Widrigkeiten - mit ihrem hoffnungsvollen und zugleich skeptischen Unterton auch über unserem Projekt, das mit exemplarischen Editionen einen ersten Meilenstein zu den "Gesammelten Schriften" Raoul Hausmanns setzen will.

 

Aufbereitet am 12/06/1995 von Wolfgang Spekner (faber@gewi) und Georg Wawschinek (wawa@gewi)

 

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Projektleitung

Ao.Univ.-Prof.i.R. Dr.phil.

Kurt Bartsch


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